Gemeinde Nordheim digital? Viel ungenutztes Potential!

Aktuelle Beispiele zeigen, wie es um die Digitalisierung der Gemeinde Nordheim steht. Ein Kommentar.
Smartphone & Laptop (© pixabay.com)
Smartphone & Laptop (© pixabay.com)

Um die Infrastruktur kümmern sich die anderen

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass sich in Nordheim und Nordhausen gerade einiges im Bereich Digitalisierung tut. Tatsächlich handelt es sich aber vor allem um Infrastrukturprojekte von Wirtschaftsunternehmen, welche mit ihren Konzepten auf die Gemeinde Nordheim zugegangen sind. So geschehen im Fall des umstrittenen Mobilfunkmasten neben dem Nordhausener Kindergarten und der aktuellen Kooperation mit einem Anbieter zum Ausbau einer Glasfaserinfrastruktur für schnelles Internet. Die eigenen Impulse aus dem Nordheimer Rathaus fallen da weitaus dürftiger aus, wie aktuelle Beispiele zeigen:

Nur im Notfall Online-Sitzungen

In der Gemeinderatssitzung am 21. Mai 2021 wurde die Hauptsatzung angepasst, damit zukünftig auch Online-Sitzungen des Gemeinderats Nordheim zugelassen sind. In Hashtags ausgedrückt: #Mai2021 #Online-Sitzungen #Zukünftig #Vielleicht 

Im  Nordheimer Mitteilungsblatt wird zu dieser Meldung  noch ergänzt: “Bürgermeister Schiek brachte für die Verwaltung zum Ausdruck, dass nur im Notfall von dieser Option Gebrauch gemacht werden soll”. Diese Aussage fällt in eine Zeit, in der  viele Unternehmen mittlerweile verstanden haben, dass auch Remote-Arbeit (bzw. Home Office) in vielen Tätigkeitsfeldern sehr gut funktioniert (wobei Online-Konferenzen ein essentiellen Teil davon sind) und sie dementsprechend ihre Arbeitskultur und das Zusammenspiel von Präsenz-Arbeit und Remote-Arbeit flexibilisieren wollen. Es mag durchaus sein, dass manche Veranstaltungsformate z.B. Workshops in Präsenz tatsächlich einfacher und effektiver durchzuführen sind, als rein Online. Im Zusammenhang von Online-Sitzungen pauschal von “nur im Notfall” zu sprechen, geht jedoch ein gutes Stück am aktuellen Zeitgeist vorbei. 

Ist das die Bürgerbeteiligung 0.2?

Seit 2019 beschäftigt sich der Nordheimer Gemeinderat mit einem Konzept zur Biotopvernetzung in Nordheim und Nordhausen. Wortwörtlich passend zum Thema gelingt es der Gemeinde Nordheim leider nicht sich mit ihren Bürger*innen zeitgemäß dazu zu vernetzen, sieht der Projektplan doch aktuell eine Bürgerbeteiligung vor. Die Gemeinderatssitzungen sollen in Präsenz stattfinden, u.a. mit dem Argument man könne ja auch in die große Festhalle ausweichen (z.B. Pandemie bedingt). Für eine Bürgerbeteiligung wird diese Option für eine Veranstaltung aber nicht in Betracht gezogen. Genauso wenig wie die “digitalen Bordmittel” des Jahres 2021, um eine Vorstellung und Diskussion des Konzeptes als Online-Konferenz oder ähnlichem stattfinden zu lassen. 

Mit dem zusätzlichen Hinweis im Amtsblatt, die “Unterlagen sind weitgehend selbsterklärend,  schafft man direkt die nächste Hürde für eine einfache Beteiligung. Tatsächlich ist das komplexe Thema und die entsprechende Aufbereitung wohl für die wenigsten wirklich selbsterklärend, es sollte vielmehr selbstverständlich sein, dass man sich bemüht es bestmöglich zu erklären. Wahrscheinlich würde schon eine Videoaufnahme des Vortrags den Zugang deutlich erleichtern. Gleichzeitig betont die Gemeinde, dass “zahlreiche Rückfragen zeigen, wie wichtig der Bürgerschaft das Thema ist”. Eine echte Wertschätzung für das Thema und die Bürger*innen sollte jedoch mehr beinhalten, als den Download einer Powerpoint-Präsentation auf der Webseite und eine Kontaktperson im Rathaus für Rückfragen. Ob sich die beteiligten Personen nicht manchmal selbst fragen, warum zwischen der alltäglichen privaten digitalen Kommunikation und dem, was die Gemeinde bei wichtigen Projekten aus diesen Möglichkeiten macht, solche Welten liegen? Und ob sie sich als Bürger*innen bei dieser Art von „Beteiligung“ ernsthaft eingebunden fühlen würden?

Die Zeit ist reif für ein Update

Wo bleiben eigene Initiativen der Gemeinde Nordheim, um die Digitalisierung in Nordheim und Nordhausen voranzutreiben? Bei der Infrastruktur scheint es so, also setzte man darauf, dass es die freie Wirtschaft richten werde. Bei den Services auf Nordheim.de hält man sich, wie die meisten Kommunen, an das was in der Verwaltungsgemeinschaft oder auf Landesebene angeboten wird z.B. das Portal “Service BW”. Im Bereich “Formulare” auf Nordheim.de stößt man so auf eine Ansammlung von PDFs, die mit dem Smartphone nahezu unbedienbar sind und die nicht mal in allen Fällen per E-Mail ins Rathaus geschickt werden können. Man bekommt also genau jenes erschreckende Nutzererlebnis geboten, wofür die meisten digitalen Behördengänge in Deutschland leider berüchtigt  sind.

Genug digitaler Spielraum ist da!

Andere Kommunen beschäftigen sich nachweislich proaktiv mit digitalen Themen wie z.B. die Stadt  Leingarten mit einer Bürger-App, die Stadt  Lauffen mit einem virtuellen Fundbüro  oder die Stadt  Brackenheim mit einem digitalen Dorfplatz.  Solche Angebote sucht man in Nordheim und Nordhausen leider noch vergeblich. Wobei man die Einführung des Online-Ticket-Systems in der Freibadsaison 2020 nicht unerwähnt lassen sollte, hat man sich doch sehr flott und pragmatisch auf ein neues Feld gewagt.

Grundsätzlich ist Digitalisierung gerade eine Chance für eher ländlich geprägte Kommunen, um in einer vernetzten Welt am Puls der Zeit zu bleiben. Möchte man die Vorteile der Digitalisierung für die Gemeinde und ihre Bürger*innen gewinnbringend nutzen, benötigt es eine aufgeschlossene Einstellung zum Thema, Personen die es vorantreiben und den politischen Willen auch mal neue Wege auszuprobieren.

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